Lebenswelt, Funktionsweise
und Dynamik extrem rechter
Orientierung verständlich machenSeit den frühen 90er-Jahren ist ein rasanter Anstieg extrem
rechter Versatzstücke in der Jugendkultur zu beobachten. Umfragen weisen
regelmäßig zwischen 10 und bis zu 30 Prozent der Jugendlichen als
›rechtsextrem‹ aus. Der Anteil der Wähler extrem rechter Parteien ist unter den
jungen Erwachsenen und den Wählern von Morgen überproportional hoch.
Extrem ›rechts sein‹ ist jedoch kein Jugendproblem.
Rassistisches Gedankengut findet sich in unterschiedlicher Ausprägung in fast
allen Bereichen des öffentlichen Raums und ist in vielen Kommunen
allgegenwärtig. Trotzdem ist es notwendig, einen besonders aufmerksamen Blick
auf die Entwicklung unter Jugendlichen zu werfen. Sie sind das ›Produkt‹ der
gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und sie bestimmen die sozialen Milieus der
Zukunft.
Die Entwicklung der letzten Jahre darf in einer Gesellschaft,
die in allen Schichten rassistisches Gedankengut aufweist, nicht verwundern.
Jugendliche fühlen sich als Vollstrecker eines ›Volkswillens‹, den die
Erwachsenen ihnen vorgeben. Dabei verfügen rechtsorientierte Jugendliche nicht
zwangsläufig über ein gefestigtes Weltbild. Oft setzt sich ihre Ideologie aus
autoritären, ausgrenzenden, rassistischen und nationalistischen Versatzstücken
zusammen. Das Fehlen eines zusammenhängenden Weltbildes als ›unpolitisch‹ oder
als kurzzeitige ›Desorientierung‹ zu bezeichnen, ist jedoch ein schwerer
Fehler.
Die vorliegende Homepage stellt diejenigen Elemente dar, die
im Alltag rechter Jugendlicher eine Rolle spielen und wirft Fragen auf. Symbole
und Codes sind immer schwieriger zu entschlüsseln, das Versteckspiel kaum mehr
zu durchschauen. Ein oberflächlicher Blick auf das Äußere reicht nicht aus, um
seinen Gegenüber einzuordnen. Ist die >88< auf dem T-Shirt eine
politische Aussage oder nur sportliches Design? Kann ein Jugendlicher
Irokesenschnitt tragen und trotzdem rechts sein? Wenn das Erscheinungsbild mich
nicht weiterbringt, was dann?
Wer in dieser Situation von einer Broschüre wie der
vorliegenden einen Katalog erwartet, sozusagen um Jugendliche in verschiedene
Kategorien einzusortieren, den müssen wir enttäuschen.
Unserer Meinung nach kann nur die direkte Auseinandersetzung
mit dem Jugendlichen und seinem Weltbild helfen. Um dieser Verantwortung nicht
auszuweichen, sondern sich ihr bewusst stellen zu können, bedarf es einer
intensiven Beschäftigung mit Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus,
autoritären Denkweisen, Verherrlichung des Nationalsozialismus und tradierten
Rollenbildern. Nur dann ist eine sinnvolle Arbeit mit Jugendlichen möglich. Um
diese Auseinandersetzung zu erleichtern, haben wir in Material zusammengestellt.
Wir haben diejenigen Elemente zusammengetragen, die im Alltag
rechter Jugendlicher tatsächlich eine Rolle spielen. Dabei haben wir den ursprünglichen
Schwerpunkt, auf die Region Berlin/Brandenburg, nun bundesweit ausgedehnt.
Eine bloße Auflistung verbotener Symbole, wie sie
beispielsweise in den Publikationen des Verfassungsschutzes auftauchen, macht
unserer Meinung nach keinen Sinn. Uns geht es darum, die Lebenswelt,
Funktionsweise und Dynamik extrem rechter Orientierung verständlich zu machen.
Der Versuch, dem Phänomen allein mit juristischen Maßnahmen zu begegnen, ist
ein Ausdruck von Hilflosigkeit und kann eine sinnvolle Auseinandersetzung mit
den dahinter stehenden Inhalten nicht ersetzen.
Bei der Auseinandersetzung mit rechtsorientierten
Jugendlichen darf allerdings eines nicht vergessen werden: Trotz
gesellschaftlicher Rahmenbedingungen ist es letztendlich die subjektive
Entscheidung jedes einzelnen Jugendlichen, ob er sich für eine solidarische
Gesellschaft einsetzen will oder nicht. Denjenigen Jugendlichen, die sich
extrem rechten Denkmustern entgegenstellen und die sich für ein solidarisches
Miteinander, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung
einsetzen, gehört unser Respekt und unsere volle Unterstützung.
Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen,
dass sämtliche Darstellungen, vor allem auch die verbotenen Symbole, wie z.B.
das Hakenkreuz, nur dokumentarischen Zwecken dienen.
Wir danken dem Antifaschistischen Pressearchiv und
Bildungszentrum Berlin e.V. [apabiz] für die fundierte Recherche,
die Hilfe bei der Erstellung der Texte und das große Engagement aller Beteiligten.
Das Team vom asp
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