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  Das Versteckspiel

Die Ausstellung

Neues Deutschland 21.09.06
Frontschweine gegen Rechts
Im Osten klären seit fünf Jahren Mobile Beratungsteams über Neonazismus auf

Von Martin Kröger, Ueckermünde

In Mecklenburg-Vorpommern – wie im gesamten Osten – arbeiten seit fünf Jahren Mobile Beratungsteams gegen Rechts. Geht es nach der CDU, droht den durch den Bund finanzierten Projekten ab Juli 2007 das Aus.

Eine Sekunde zögern die Schüler des Gymnasiums von Ueckermünde. Dann stürzen sie sich auf den Info-Tisch und heimsen Zeitungen, Zeitschriften, Aufkleber, Postkarten und Informationsblättchen ein, die alle ein und dasselbe Thema haben: Aufklärung gegen Rechtsextremismus. Die Verfasser der Broschüren reichen vom Verfassungsschutz übers Innenministerium bis zur Landeszentrale für politische Bildung. Sie bieten Argumentationshilfen gegen Rechts, informieren über Kleidung, Zahlencodes und die rechtsextreme Subkultur, die sich seit einigen Jahren hier im Uecker-Randow-Kreis, am östlichsten Rand von Mecklenburg-Vorpommern herausgebildet hat.
»Wir fordern das Material an, um unsere Arbeit zu untermauern«, erzählt Regine Krüger. Die Mittdreißigerin arbeitet seit einigen Jahren für das Mobile Beratungsteam für demokratische Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern (MBT-MV). Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Schmidt bildet Regine Krüger das Regionalbüro Neubrandenburg, das für Neubrandenburg und die Landkreise Müritz, Mecklenburg-Strelitz und eben den Uecker-Randow- Kreis zuständig ist. Seit Herbst 2001 sind Mitarbeiter in diesem Gebiet unterwegs, »um demokratische Werte und Strukturen zu stärken« und sich gleichzeitig »gegen die Verbreitung von Rechtsextremismus« zu wenden.

Versteckspiel in Ueckermünde
Nach Ueckermünde sind Schmidt und Krüger gekommen, um im örtlichen Gymnasium die Ausstellung »Versteckspiel« zu zeigen. Öffentlich angekündigt war der Besuch nicht. »Das wäre zu gefährlich, da sonst Neonazis gekommen wären, um uns zu belästigen«, erläutert Krüger. Es sei schon seit geraumer Zeit nicht mehr möglich, in Vorpommern öffentliche Veranstaltungen zum Rechtsextremismus durchzuführen, ohne dass Neonazis kämen, um die Teilnehmer zu bedrohen und einzuschüchtern. Mit der Ausstellung »Versteckspiel«, die von der Agentur für soziale Perspektiven konzipiert wurde, wollen die beiden Frauen die Schüler animieren, sich mit rechter Jugendbekleidung auseinanderzusetzen. Im Halbrund haben Krüger und Schmidt dafür Schautafeln aufgebaut. Sie zeigen germanische Runen, bilden aber auch Zahlencodes wie »88« oder »28« ab. Auf einigen Tafeln sind Che Guevara oder ein Irokesenhaarschnitt abgebildet – eigentlich Symbole linker Jugendkulturen, die seit einigen Jahren jedoch von Neonazis zur Tarnung benutzt werden. Deswegen der Name der Ausstellung: »Versteckspiel«.
Rund 40 Schüler, zwei Klassen pro Stunde, durchlaufen den Parcours, der im Foyer des modernen Schulbaus errichtet ist. Fünfmal am Tag. Zwei Wochen parallel zum Landtagswahlkampf wurde das »Versteckspiel« in Schulen gezeigt. Das erfordert Ausdauer, Ruhe und Geduld, die die mobilen Beraterinnen bei ihrer Führung durch die Präsentation an den Tag legen müssen. Und ab und an bedarf es auch Autorität, um zu den Jugendlichen durchzudringen. Die sind nämlich nicht alle von der verordneten Ausstellung begeistert. »Hier am Gymnasium ist doch keiner rechts«, beteuern einige der Schüler. »Als wenn Bildung per se vor Rechtsextremismus schützen würde«, kontert Krüger. Statt darauf weiter einzugehen, schaut sie in die Runde und fragt: »Wer kann was mit der Zahl 88 anfangen?« Das Ergebnis, das per Handzeichen abgegeben wird, hat sie erwartet. Fast alle der 40 Jugendlichen wissen, dass bei den Neonazis die Zahl für den verbotenen Hitlergruß steht.
Überraschender wird es bei der Zahlenkombination »28«. Wieder wissen fast alle Bescheid. Das Kürzel stehe für das Skinhead-Netzwerk »Blood and Honour«, doziert ein Schüler. Ein anderer weiß sogar, woher die Formel »Blut und Ehre« stammt: Es sei die Inschrift auf dem Fahrtenmesser der Hitler-Jugend gewesen. In Deutschland ist die vom Briten Ian Stewart begründete Skinhead-Organisation seit September 2000 verboten. Dass dennoch, sechs Jahre später, alle Schüler im Ueckermünder-Gymnasium wissen, was »28« heißt, deutet Regine Krüger als Indiz. Sie vermutet wie andere Szenekenner, dass »Blood and Honour« weiter in der Gegend aktiv ist. Im Untergrund, versteht sich.
Ueckermünde gilt bei den Beraterinnen als eines der Zentren des Rechtsextremismus in Vorpommern: Hier hat der neonazistische »Heimatbund Pommern« seinen Sitz. Von hier kommt der Maurer Tino Müller, einer der führenden Kader des »Heimatbundes«, der auf Platz zwei der Landesliste für die NPD kandidierte. In Ueckermünde-Ost haben die Rechten das Viertel in den letzten Jahren vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. »Abends traut sich die Polizei nicht nach Ueckermünde-Ost«, berichten Schüler des Gymnasiums. »Dort muss man national sein, um überleben zu können«, sagt ein Abiturient, der dort aufgewachsen ist. Wer sich nicht anpasst, dem geht es wie den zwei 16-jährigen Jugendlichen, die im Februar 2002 von mehreren Neonazis vor einer Eisdiele zusammengeschlagen wurden: »Rausgeschlagene Zähne, Nasenbeinbrüche, Blutergüsse, Platz- und Schürfwunden sind das Ergebnis der Misshandlung, bei der die Täter auch auf den Köpfen der Betroffenen rumsprangen«, schrieb die Opferorganisation Lobbi damals. Das Schicksal dieser Jugendlichen beschäftigt die Gymnasiasten noch heute. Gewalterfahrungen sind auch Regine Krüger nicht fremd. Als sie im Sommer 2004 eine Demonstration der Neonazi-Tarnorganisation »Schöner und Sicherer wohnen in Ueckermünde« fotografierte, die sich gegen ein inzwischen geschlossenes Asylbewerberheim richtete, wurde sie aus der 300 Teilnehmer zählenden Ansammlung von einem Nazi angegriffen. Der Täter war kein Unbekannter. Er zählt bis heute zu den Rechtsextremen, die im nahegelegenen Salchow ein so genanntes »nationales Wohnprojekt« aufgezogen haben.

Begleiten, beraten und aufklären
Nicht nur wegen derartiger Erlebnisse sagt Regine Krüger nach fünf Jahren: »Wir sehen uns oft als Frontschweine gegen Rechts!« Sie meint das natürlich nicht im militaristischen Sinn, sondern sieht die Leute von den Beratungsteams als diejenigen, die in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gegen die Neonazis in der ersten Reihe stehen. Dokumentation ist dabei nur eine Facette. »Der Hauptteil unserer Arbeit besteht darin, Aufklärung zu leisten«, erzählt Anja Schmidt. Auf »Schulinternen Fortbildungstagen« versuchen die Frauen, Lehrer zu Multiplikatoren auszubilden, damit die Pädagogen selbstständig gegen die Rechten aktiv werden. Oftmals müssen die Lehrer jedoch zunächst für das Thema sensibilisiert werden. »Rechtsextremismus ist für viele Lehrer neben Gewalt und Drogen nur ein weiteres Problem«, berichtet Schmidt. Dazu kommt, dass sie des öfteren beobachtet habe, dass bei Filmen über die rechte Szene Lehrer überrascht den netten Jungen von nebenan wiedererkennen. Auf dem Land kennt man sich. Denselben Effekt erlebe sie auch bei Gesprächen mit Bürgermeistern, sagt Schmidt. Viele würden die Problematik nicht als solche anerkennen, andere wiederum verlangen von uns, den »Königsweg gegen die Rechten« darzulegen. »Das können wir natürlich nicht«, erklärt Anja Schmidt. »Wir können begleiten und beraten. Das zählt zu unserer Hauptaufgaben.«
Große Sorge bereitet den Mobilen Beratern und den Opferberatungsteams im Osten derzeit die Große Koalition in Berlin. Zwar hat die zuständige Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) das Bundesprogramm gegen Rechts angesichts des NPD-Wahlerfolgs um ein halbes Jahr verlängert. Für Sommer 2007 hat die Familienministerin jedoch angekündigt, dass sie das Programm gänzlich neu auflegen will. Bei diesen Plänen spielen die alten, eingespielten Teams wie das Regionalbüro Neubrandenburg keine Rolle mehr. Stattdessen wünscht sich die CDU, dass sich dann in der Hauptsache die Kommunen künftig um den Kampf gegen Rechts kümmern. Daran glauben die Frauen nicht. »Wenn wir nicht mehr den Finger in die Wunde legen, dann kümmert sich hier niemand mehr um die Rechtsextremen«. So haben bis vor kurzem die Stadtverordneten von Ueckermünde ihr Problem mit Nazis zwar erkannt, aber immer wieder runtergespielt.
In der schick rausgeputzten Stadt am Stettiner Haff dürfte es nach der Landtagswahl aber auch den Stadtoberen nicht entgangen sein, dass ein eigenes Konzept gegen den rechten Rand dringend nötig ist: Kameradschaftskader Tino Müller holte in der 10 000 Einwohner-Stadt 18,2 Prozent für die NPD. Dass es so viel geworden ist, hat sogar Anja Schmidt und Regine Krüger überrascht.

 

     
     
     






























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