Hintergrund
Lebenswelt, Funktionsweise und Dynamik
Das Hakenkreuz kennen alle, den Gruß »Heil Hitler« auch. Doch was macht man, wenn solche Inhalte versteckt werden, wenn aus »Heil Hitler« die Zahlenkombination 88 wird?
Der Sportlehrer freut sich vielleicht, dass seine Schützlinge auch in der Freizeit Basketball-Shirts tragen. Und die Nummer 88 ist sicherlich ein bekannter Profisportler, den er nur nicht kennt. Was für Außenstehende unauffällig wirkt, hat für diejenigen, die den Code entschleiern können, eine klare Bedeutung.

Die mehr als 150 bekannten Symbole und Codes, die verschlüsselt oder offen eine rechte politische Orientierung ausdrücken, sind für Außenstehende meistens nicht erkennbar. Sie sind mehr als nur Erkennungsmerkmal für Gleichgesinnte: Sie vermitteln ein Gruppengefühl und transportieren eine eindeutige politische Botschaft. Politische Symbole sind nichts anderes als komprimierte Darstellungen der wesentlichen Grundsätze einer Weltanschauung. Ihre Wiedergabe vermittelt einen bestimmten Inhalt, eine Zugehörigkeit, oder ist bei jugendlichen TrägerInnen erst einmal »nur« Ausdruck eines Gefühls. Das »Sich-rechts-Fühlen« steht im Vordergrund und schließt einen ausformulierten politischen Inhalt nicht zwingend mit ein. Die politische Botschaft kann sich in der Aufwertung des Eigenen und der Ablehnung alles Fremden erschöpfen.

Hinzu kommt, dass viele Symbole subjektiv interpretiert werden können. Mit teilweise abenteuerlichen Begründungen werden sie irgendwie in das eigene neonazistische Weltbild eingepasst. So können rote Schnürsenkel in der einen Kleinstadt für »die Zecken« (abwertender Begriff für linke Jugendliche), im angrenzenden Landkreis aber für Blood & Honour stehen.

Grundlegend lassen sich die verwendeten Zeichen in zwei Kategorien einteilen – diejenigen mit offenen und diejenigen mit verdeckten Botschaften. Die Ersten dienen der offenen politischen Selbstdarstellung der Träger-Innen und sind oft aus einem historischen Bezug zum Nationalsozialismus erklärbar. Sie lassen wenig oder gar keinen Raum für individuelle Interpretationen. Dies trifft für die Symbole mit nationalsozialistischem Bezug sowie die Embleme und Logos extrem rechter Organisationen zu.

Anders jedoch funktionieren die versteckten Glaubensbekenntnisse. Die Codes sind nur Eingeweihten bekannt und tragen somit vor allem zur Bildung einer Gruppenidentität der rechten Szene nach innen bei. Nur durch Kenntnis des zugeordneten Inhalts kann das Symbol verstanden werden. Eine außenstehende Person weiss kaum, dass die Zahlenkombination 28 für das in Deutschland verbotene Neonazi-Skinhead-Netzwerk Blood & Honour steht. Nach innen – d.h. in die eigenen Kreise hinein – ist die 28 das Erkennungszeichen für AnhängerInnen und SympathisantInnen von Blood & Honour. Viele der jugendkulturellen Dresscodes, die Auswahl der angesagten Modemarken und anderer jugendkultureller Codes betreiben dieses Versteckspiel.

Die Szene trägt einem staatlichen Verfolgungsdruck Rechnung, eignet sich darüber hinaus Modefragmente aus anderen Jugendszenen an und interpretiert sie neu. Der klassische Neonazi-Skinhead ist vielfach zum Medienklischee verkommen, viele Neonazis identifizieren sich heute mit den Jugendkulturen des Black-Metal und des Neofolk oder sie verstehen sich als »ganz normale« Jugendliche ohne jede subkulturelle Attitüde. Diese Entwicklung spiegelt sich in einem stilistischen Wandel und in einer Verbreiterung der Symbolpalette wider. Die brachiale Anti-Ästhetik weicht einem dem Mainstream angepassten, modisch-athletischen Erscheinungsbild. Poppige Farben und Flammenwände ersetzen schwarzweiß- rot und Frakturschrift, klobige Dr.-Martens-Stiefel werden gegen New-Balance-Sportschuhe ausgetauscht. Dies macht den Umgang mit TrägerInnen dieser Symbole sehr viel schwieriger, da nur wenige von denen, die Fred-Perry-T-Shirts oder New-Balance-Schuhe tragen, auch Neonazis bzw. Rechte sind.


Diese Entwicklung ergänzt sich mit dem verstärkten Bemühen der Szene, sich einen sozialrevolutionären Habitus zu verschaffen und in die Tradition einer radikalen Systemopposition zu stellen. Darüber wurde ein neues Problemfeld eröffnet: die (versuchte) Übernahme linker oder vermeintlich linker Symbole. Das Tragen von »Palästinenser-Tüchern« und die Nutzung schwarzer Fahnen gehören bei neonazistischen Auftritten beinahe schon zum Standardrepertoire, Symbole antifaschistischer Gruppen und Kampagnen erfahren ihre Verfremdung und werden ins Gegenteil verkehrt. Selbst der Irokesen-Schnitt, weithin als Punk-Frisur verstanden, ist heute unter Neonazis kein Tabu mehr.

Moderne Nazis?




Die heutigen neonazistischen Szenen funktionieren auch ohne strikten hierarchischen Aufbau, ohne Uniformität, ohne stilistische und ästhetische Eindeutigkeit.

Zur Beschreibung dessen hat sich der scheinbar widersprüchliche Terminus von »modernen Nazis« etabliert. Das Moderne, das Neue ist, dass es den extrem rechten Szenen gelingt, ihre »alten« Ideen an die Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Jugend anzupassen. Man nutzt moderne Kommunikationsmittel, um sich mitzuteilen. Man baut Strukturen auf, die integrativ und tagespolitisch handlungsfähig sind, die Soziales, Kulturelles und Politisches zu einem geschlossenen lebensweltlichen Komplex verbinden.

Und modern ist der Style, in den man sich verpackt. Der Einzelne empfindet keinen Widerspruch darin (wie rechts zu sehen), das mit Symbolen des alten Germanentums tätowierte Bein in modische Kurzsocken und New-Balance-Turnschuhe zu stecken und den Seitenscheitel mit extravaganten Bartzöpfen zu kombinieren. Man kann sich auch mit Piercings als »Old School Racist« fühlen und zu Adolf Hitler bekennen. Auffallend ist jedoch: Häufig sind es die popkulturell orientierten SzenegängerInnen, die sich durch besonders radikale Äußerungen profilieren und durch gewalttätige Aktionen auffallen, ganz so als müssten sie sich und ihrem Umfeld immer wieder aufs Neue beweisen, dass sie »richtige« Nazis sind. Die strikte Orientierung am Nationalsozialismus hat sich nicht geändert. Der einzelne Jugendliche mag die eine oder andere Facette von Hitlers Politik kritisch sehen, seine Vorbilder in der vorgeblich »sozialistischen« Strömung des Nationalsozialismus (NS) um die Gebrüder Strasser oder in den Vordenkern der »Konservativen Revolution« finden und deren Symbole aufgreifen. Er geriert sich gerne tolerant und aufgeschlossen, setzt sich provokativ für Meinungsfreiheit ein – und marschiert dann doch »zu Ehren« von Rudolf Heß, leugnet die Verbrechen des Nationalsozialismus und gibt sich einem hasserfüllten Rassismus und Antisemitismus hin.

Neonazistische StrategInnen setzen den modernen Lifestyle als taktisches Mittel ein. Sie haben wenig Angst vor einer Verwässerung der dahinterstehenden Ideologie. So bemerkte der norddeutsche Kameradschaftsführer Peter Borchert im Jahre 2003 in einer Gesprächsrunde bei der NPD: »Meiner Meinung nach ist eine Demonstration je bunter sie ist, auch desto besser. Denn entscheidend ist nicht, wie bunt oder wie unbunt wir sind, sondern das was im Herzen schlägt – und im Herzen schlägt unsere Farbe braun, schon mal ganz klar.«